Nanga Parbat Basecamp (4250m), Montag, 18. Juni 2001
Aufstieg in Richtung Lager IV abgebrochen Schlechtwetterrückzug gut überstanden!
Der Plan war gut, die Aufteilung der Mannschaft in Ordnung und die nach oben
zu bringende Ausrüstung bestens organisiert - nur das Wetter wollte diesmal
nicht.
Am 13.06. konnten wir mit gesamter Mannschaft im Basislager noch ein flottes
Fest begehen. Hajo Netzer, seit Jahren bei den Gästen von AMICAL alpin
hochgeschätzter Bergführer, feierte seinen 46. Geburtstag. Die
Küchenmannschaft gab sich nach dem Mittagessen ein herzliches Stell-Dich-ein
im Mannschaftszelt und so konnten wir mit dem mitgebrachten Kuchen und
Blumengirlanden in bester Stimmung und fröhlicher Runde Hajo's Gang Richtung
Fünfzig feiern.
Hajo beim Anschnitt
Hajo beim Anschnitt
Hajo und Steffen
Hajo mit gesamtem Damenteam
Regenbogen über Basecamp
Am Nachmittag startete die erste Hälfte der Mannschaft gemeinsam mit Qudrat
und Emrodin, den beiden Hochträgern, in Richtung Lager I. Kurz darauf wurde
es ziemlich dunkel und erste schwere Regentropfen bildeten den Auftakt für
das Schlechtwetter der letzten Tage. Bis Lager I erreicht war, waren alle
tropfnass und ziemlich durchgefroren. Kein guter Auftakt für unsere Planung
in Richtung Lager IV. Erst gegen Abend ließ der Regen nach und die
Zurückgebliebenen im Basislager konnten gegen die Diamirflanke des Nanga
Parbat die Aussicht auf einen herrlichen Regenbogen genießen.
Während sich am 14.06. die Vorausmannschaft noch etwas klamm und feucht nach
Lager II kämpfte, war der zweite Teil der Mannschaft bis auf Hajo, Steffen,
Klaus Dieter und mich auf dem Weg nach Lager I. Diesmal kamen die Freunde
gerade noch trocken an, danach wurde es für den Rest des Tages wieder
reichlich nass. Am nächsten Morgen war eigentlich vorgesehen, dass der
bereits zu Lager II aufgestiegene Teil der Mannschaft nach Lager III
weitersteigen sollte. Da es aber über Nacht ziemlich geschneit hatte und
somit erst mal ein Setzen des Neuschnees abgewartet werden sollte, blieb
diese erste Hälfte der Mannschaft in Lager II. Hajo, Steffen, Klaus Dieter
und ich starteten nachts um 3:45 Uhr vom Basislager, holten in Lager I die
Vorausgegangenen ein und stiegen im Nebel und leichtem Schneefall gemeinsam
weiter nach Lager II.
Hajo in Löweisrinne
Rosa in Kinshoferwand
Der Neuschnee machte den Aufstieg entlang der Fixseile zu einem recht
rutschigen Unterfangen. Unzählige Male mussten die Steigklemmen vom Eis und Neuschnee
befreit werden, damit sie an den Seilen wieder griffen. So waren wir
herzlich froh, als gegen 12:00 Uhr alle in Lager II versammelt waren. Voller
Hoffnung auf steigenden Luftdruck und besser werdendes Wetter verbrachten
wir den Nachmittag und lagen um 19:00 Uhr bereits in den Schlafsäcken.
Der Tag sollte aber noch nicht vorbei sein!!
Schon in der Planungsphase unserer Nanga Parbat Expedition hatten sich zwei
Spanier, Nacho Orviz und Amador Carnero aus Asturien, zur Teilnahme beworben. Da mir aber Ihr
Auftreten - sie wollten parallel zur geplanten Expedition in "reinstem Alpinstil" aufsteigen -
etwas zweifelhaft vorkam, lehnte ich ab. Nun haben sie sich bei einem anderen Veranstalter
"eingekauft" der hier im Basislager drei Italiener - auf Messners letztjähriger Route -, einen
einzelnen Amerikaner mit zwölf erfolglosen 8000er Versuchen, und eben diese beiden Spanier
"vereint".
Nachdem sie sich sieben Tage lang nach Ihrem Eintreffen im Basislager noch nicht einmal
vorgestellt hatten und erst auf Anfrage sich an den Kosten der Fixseilversicherung beteiligen
wollten, waren sie nun, an diesem 15.06 parallel zu uns unterwegs. Zwischen Lager I und Lager II,
in der Löweisrinne und der Kinshoferwand ohne Vorakklimatisation, gleich mit Riesenrucksäcken.
Nacho Orviz schaffte es bis Lager II, war aber dort so ausgepowert, dass er es nur noch schaffte
sich mit in eines unserer Zelte hineinzuzwängen und nichts mehr zu tun. Nachmittags um 16:00 Uhr
auf die Frage, was mit seinem immer noch nicht erschienenen Kollegen Amador sei, meinte er nur,
"er könne ihm nicht helfen". "Der sei vielleicht zurück nach Lager I abgestiegen". Das Funkgerät,
dass die beiden ihrem Verbindungsoffizier im Basislager hinterlassen hatten, funktionierte wegen
leerer Batterien nicht.
Nach einigem Hin-und-Her-Funken über Martina im Basislager fanden wir heraus,
dass Amador weder zurück nach Lager I gekommen wäre, noch sonst wo zu sehen gewesen sei. Um 19:00 Uhr,
eine halbe Stunde vor Dunkelwerden, fanden wir über die Frequenz der Spanier und einen sich zufällig
meldenden Amador heraus, dass dieser nach seinem dritten Versuch die Kinshoferwand hinaufzuklettern,
so erschöpft sei, dass er weder vor noch zurückkäme. Also - draußen schneite es bereits wieder
heftig - wieder aus den Schlafsäcken heraus, die dicken Klamotten anziehen und 150 m Abseilen zum
völlig erschöpften und dehydrierten Amador am Beginn des steilsten Stücks der Kinshoferwand.
Der völlig erschöpfte Spanier Amador, eigentlich schon bereit zu einem Freibiwak
Hajo zieht und sichert von oben, Amador folgt mit Unterstützung durch Ralf von unten
Qudrat und Hirotaka übernahmen das Gepäck von Amador, Hajo kletterte - inzwischen im Dunklen - voraus
und zog und sicherte von oben, während ich von unten versuchte Amador Hilfestellung zu geben. Ein Bild
für Götter: es schneit und stürmt und vier Gestalten bemühen sich einen fünften nach oben zu hieven.
Um 21:00 Uhr im Lager II angekommen waren sofort die Plätze in den Zelten umgestellt und Amador fand
Unterschlupf bei Werner unserem Arzt, der sich auch sofort um ihn kümmerte. Zwei andere Zelte waren zu
dritt belegt - eine enge Nacht nahm ihren Lauf. Inzwischen sind beide Spanier wieder unten, hier im
Basislager. Dank blieb bisher aus. Nur über unseren frühzeitigen Funkverkehr am nächsten Morgen
nach der Rettungsaktion hat sich Amador gestört gezeigt, weil er nicht länger hätte schlafen können!?!?!
Der 16.06. verging in der Hoffnung auf Wetterbesserung, die sich zunächst vermeindlich auch per
Druckanstieg ankündigte. Am Nachmittag war sogar eine Zeit lang völlig blauer Himmel, so dass wir
voller Zuversicht auf eine kalte, klare Nacht und den kommenden Morgen hofften. Leider erwies sich
dieser kommende Morgen als völliger Flop - es schneite in Mengen, ohne Ende. Um 5:00 Uhr fiel die
Entscheidung abzusteigen und innerhalb einer Stunde waren alle beim Abseilen auf dem Weg nach Lager I
hinunter. Nachdem doch schon einiger Neuschnee niedergegangen war, wurde die 1100 m-Abseilfahrt zu
einem Erlebnis der anstrengenderen Art.
Klaus-Dieter und Theresia Kinshofer Wand
Hajo und Klaus-Dieter beim Abseilen Kinshofer Wand
Ralf beim Abseilen Kinshofer Wand
Lager I nach Rückzug
Alle Abseilmanöver wurden glücklicherweise fehlerfrei durchgeführt, - gut
eine erfahrene Mannschaft zu haben. Zwischen 8:30 Uhr und 9:30 Uhr waren alle zurück in Lager I.
Das feuchte und warme Wetter hat die Plattformen in Lager I inzwischen so stark ausapern lassen, dass
wir noch zwei Zelte, die schon zu einem Drittel in der Luft hingen, abbauen mussten. Weiter kein
Problem, da ja doch einige von uns inzwischen vom Basislager (4250 m) direkt nach Lager II (6000 m)
aufsteigen können und die Zwischenübernachtung in Lager I nicht mehr benötigen.
Der Rückmarsch ins Basislager war noch einigermaßen trocken, danach regnete es bis jetzt eigentlich
nur noch. In der letzten Nacht ging der Regen auch im Basislager in Nassschnee über und da wir
zunächst nicht aufgepasst hatten, brachen gegen Mitternacht das große Messezelt und das Storezelt
unter der Last des Schnees in sich zusammen. Es wurde eine ziemlich anstrengende Schaufel-Nacht.
In der Hoffnung, der Schnee möge sich wieder in Regen verwandeln und dieser
dann schnellstmöglich durch gutes Wetter abgelöst werden,
verabschiede ich mich für heute ganz herzlich