Nanga Parbat Basecamp (4250m), Dienstag, 12. Juni 2001
Lager III eingerichtet - Aufstieg steil ohne Ende!
Gestern abend nach vier Tagen in der Höhe, in Eis, Fels, Kälte und Schnee, vom Gletscher die Moräne
hinaufzusteigen und von einem Meter auf den anderen wieder im Grünen zu stehen, war unbeschreiblich
schön. Die tiefstehende Abendsonne machte unsere inzwischen gänzlich mit Blumen übersääte Wiese noch
unwirklicher. Nach vier Tagen harter Arbeit und heute 2500 m Abstieg das hier zu erleben, krönt das
sowieso schon intensive Erleben am Berg.
07/06
Das Wetter war wieder stabil geworden und in der Höhe hatten die ergiebigen Schneefälle der
Vortage Zeit als Lawinen zu Tal zu donnern. Am späteren Nachmittag stieg ich mit der ersten Hälfte
der Mannschaft und den beiden Hochträgern wieder ins Lager I. Ein wolkenloser Spätnachmittag machten
den zwar kurzen, aber doch recht schottrigen Aufstieg wett. Die Lasten für die Hochträger mussten noch
organisiert werden, dann war ausspannen und kochen angesagt. "Wie immer" lagen wir um 18:30 Uhr in den
Schlafsäcken, obwohl die Abendsonne noch die Zelte beschien.
Qudrat vor Zelt L1 vor Diamirflanke
08/06
Um 4:00 Uhr nach knappem Müsli- und Capuccino-Frühstück war die Nacht vorbei, mit den ersten
Sonnenstrahlen in der Löweisrinne wollten wir in Lager II sein. Der Aufsteig ist einfach ungemütlich
steil und lang. Selbst vom K2 kenne ich keinen vergleichbar langen Abschnitt mit ähnlicher Steilheit.
Theresia im Aufstieg in die Löweisrinne
Rosa kurz vor LII 2
Vor allem die abschließende 180 m hohe Felskletterei der Kinshoferwand ist mit den schweren
Rucksäcken jedes Mal ein "Erlebnis". Oben angekommen mussten die restlichen 4 Plattformen für die
Zelte aus der kurzen Gratverflachung von Lager II geschaufelt und gehackt werden. Im diffusen Licht
der Mittagsbewölkung haben einige von uns inclusive mir vergessen sich die Gesichter einzucremen.
Der Erfolg lässt sich inzwischen streifenweise von den Backen und den Lippen ziehen.
Plattformen Schaufeln in LII
LII 6000m - Viel Arbeit
Der Spätnachmittag brachte wieder schönsten Sonnenschein - in den Zelten war
es vor Hitze kaum auszuhalten.
09/06
Mit Qudrat, dem mir sehr ans Herz gewachsene Hochträger der letzten Jahre, hatte ich mich auf den
nächsten Morgen verabredet, um den Weiterweg zu versichern. Um 4:00 Uhr trafen wir uns. Jeder mit
300 m Fixseil, Felshaken, Eisschrauben und Firnankern im Rucksack brachen wir in einen "saukalten"
Morgen auf. Kombiniertes Gelände mit kurzen Felsstufen machten beim Höherkommen richtiggehend Spass.
Kombinierte Kletterei vom Feinsten. Alte Standhaken konnten wir zum Anbringen der Fixseile benutzen.
Weiter oben, ein kurzer Grat setzt an die erste, 100 m hohe Kombi-Stufe an, begann ein schwacher Wind
zu blasen, der uns die Kälte immer mehr spüren ließ.
Tiefblick vom Versichern zu LII
Nachdem wir ca. 450 m Fixseil angebracht hatten, war uns beiden so fürchterlich kalt, dass wir um
8:30 Uhr beschlossen es für diesen Tag mit der Arbeit zu belassen. Nach nur 250 Höhenmetern bei
weitem nicht zufrieden seilten wir ruckzuck ins Lager II ab und waren froh, uns in den Zelten in
den ersten Sonnenstrahlen aufwärmen zu können. Werner und Magnus brachten an diesem Vormittag noch
einiges an Fixiermaterial für den nächsten Tag zum Umkehrpunkt. Für alle Anderen, auch die
nachrückende Gruppe mit Hajo, war an diesem Tag vor allem Akklimatisation und Kochen angesagt.
Eva, Hajo und Rosa in LII
10/06
Aus Fehlern lernt man, - sollte man meinen. Eine Stunde später, mehr den ersten Sonnenstrahlen
entgegen als gestern, waren wir schon wieder unterwegs.
Tiefblick vom Versichern zu LII
Ralf im Aufstieg zu LIII
Emrodin und Hajo im Aufstieg zu LIII
Hajo und Werner im Aufstieg zu LIII
Bis zum Umkehrpunkt ging es flott voran, danach, - während Hajo im Vorstieg in heiklem Gelände
weitere Fixseile anbrachte -, wurde es mit aufkommendem eiskalten Höhenwind immer kälter. Als Tester
eines neuen Expeditionsschuhs hatte ich irgendwann solch kalte Füße, dass ich mit zwei angefrorenen
Fußzehen wieder frühzeitig den Abstieg antrat. Auch einigen Anderen ging es an diesem Vormittag
ähnlich. Nur Hajo, Werner, Klaus-Dieter und Hiro kämpften sich tapfer weiter.
Hajo im Vorstieg - Ralf im Rückzug
Und erreichten an diesem Vormittag nach einem heiklen Blankeishang die tief eingeschneite Schneeflanke
unterhalb von Lager III. Einiges Material war an diesem Tag in kleineren Depots geblieben. Aber
trotzdem war dank Hajos Einsatz doch schon einiges an Höhenmeten in Richtung Lager III geschafft.
Wir konnten zunächst zufrieden sein. Der Rest des Tages verging wieder mit Dösen, Schneeschmelzen
und Kochen. Meine Hälfte der Mannschaft stieg nach zwei Nächten in Lager II gemeinsam mit den
Hochträgern ab.
11/06
Wieder eine Stunde später, also um 6:00 Uhr, starteten wir heute. Fest entschlossen Lager III zu
erreichen. Schon nach zweieinhalb Stunden waren wir wieder am Umkehrpunkt von gestern. Erst die
Hände und einige Höhenmeter später die Füsse den ersten Sonnenstrahlen entgegenstrecken zu können
war sehr angenehm. Innerlich noch ganz auf den Kampf mit der Kälte eingestellt, kann man sich
allmählich gehen lassen und einfach die Aussicht in einen wolkenlosen Himmel und die erste Wärme des
Tages genießen.
Tiefblick vom Aufstieg nach LIII kurz nach LII
Hiro in den ersten Sonnenstrahlen
Ralf am Depot in den ersten Sonnenstrahlen
Nach ausgiebiger Pause gingen wir die letzten 200 Höhenmeter an. In ständigem Wechsel des Führenden
spurten wir uns gemeinsam in unglaublich tiefem Schnee nach oben. Teilweise war der Schnee bis
Oberschenkel tief. Vor allem Hirotaka, unser Japaner in der Mannschaft, zeigte heute seine ganze
Leistungsfähigkeit. Seine Spurabschnitte waren die längsten und schnellsten - Respekt vor so viel
Leistungsbereitschaft und -vermögen.
Hajo und Klaus-Dieter im Hang unter LIII
Ralf und Hajo im Hang unter LIII
Nach 2 Stunden hatten wir uns den Hang hinaufgewühlt und waren an dem uns am sichersten erscheinenden
Platz am Grat links der Flanke angekommen. In mühsamer Hackarbeit konnten wir zwei kleine Plattformen
einrichten und waren schließlich froh, als ein Zelt stand. Die mitgebrachte Ausrüstung und das
Fixiermaterial für den weiteren Aufstieg waren schnell verstaut und um 13:00 Uhr traten wir den langen
Abstieg ins Basislager an.
Hajo und Klaus-Dieter in LIII 6700m
Hajo im Abstieg von LIII
Die letzten Tage mit kräftigem Sonnenschein haben einige der Firnanker der Löweisrinne stark ausapern
lassen, so dass wir beim Abseilen noch einiges an verbogenem und herausgerissenem Material auswechseln
mussten. Auch Lager I ist inzwischen keine Schneeflanke mit herausgehackten Plattformen mehr, sondern
ein ungemütlicher Geröllhang, in dem wir beim nächsten Mal Übernachten erst mal neue Plattformen
herrichten werden müssen. Ja, und danach der Abstieg bei schönstem Sonnenschein zurück ins Grüne.
Wir werden uns ein zwei Tage erholen - bei der Verpflegung unserer Küche sicher kein Problem. Danach
erneuter Aufstieg um in Lager III zu übernachten, weiter zu akklimatisieren und den Aufstieg nach dem
letzten Lager IV auf 7300 m zu versichern. Soweit zumindest die Pläne. Es fängt auf jeden Fall an
spannend zu werden.
Für heute ganz herzliche Grüße von der ganzen Mannschaft aus dem Basislager, trotz aller Anstrengung
geht es uns gut und wir genießen das Unterwegs-Sein.